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Zum 20. Todestag von Willy Brandt

Veröffentlicht am 08.10.2012 in Allgemein

Sein letzter Sommer

Heute jährt sich Willy Brandts Tod zum 20. Mal. Die SPD ehrt ihren Ehrenvorsitzenden und Altkanzler mit einer Kranzniederlegung auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf und einer Gedenkveranstaltung im Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale der SPD in Berlin.

An der Kranzniederlegung an Willy Brandts Grab nahmen der künftige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und weitere Mitglieder des SPD-Parteivorstands teil. Am Montagabend wird es eine gemeinsame Gedenkfeier der "Bundeskanzler Willy-Brandt-Stiftung" sowie des SPD-Parteivorstandes im Willy-Brandt-Haus geben. SPD.de wird über die Veranstaltung berichten.

Sein letzter Sommer

Der SPD-Ehrenvorsitzende gibt im Mai 1992 dem Journalisten Ulrich Rosenbaum ein Interview. Was niemand ahnt: Es wird das letzte vor seinem Tod sein.

Als am Nachmittag des 9. Mai 1992 Klaus Lindenberg, der Büroleiter des Altkanzlers Willy Brandt, anruft und fragt, ob ich ein Interview „mit dem Chef“ machen wollte, sage sich sofort zu und gehe rüber in das Haus am Bonner Tulpenfeld, wo er sein Büro hatte. Es ist nicht das erste Mal. Seit sich im Herbst 1989 in der DDR etwas tat, hatte ich ein Dutzend mal diese Anrufe erhalten. Brandt hatte neue Energie verspürt, wollte alles tun, damit die SPD im einst „roten“ Sachsen wie in Ostdeutschland insgesamt, wieder zur stärksten Kraft würde. Wir wissen, dass es nicht so kam und die Brandt zujubelnden Massen auf den Plätzen von Eisenach, Gera oder Leipzig Trugbilder waren.

Anders als Oskar Lafontaine war es Brandt eine Herzenssache, „dass wieder zusammenwächst, was zusammengehört“. Und anders als Hans-Jochen Vogel und die neu entstehende Sozialdemokratie im Osten wollte er, dass auch SED-Mitglieder in die SPD aufgenommen werden sollten, wenn sie keine Schuld auf sich geladen hatten.

Der Krebs ist plötzlich wieder da
Brandt wusste, dass er die Menschen im Osten am besten über die „Bild“-Zeitung erreichen konnte. Das Massenblatt erlebte einen Boom, kaum dass die Grenzen offen waren. Ich wusste, dass Brandt, als am 9. Mai 1992 der Anruf kam, seit einem Jahr gegen den Darmkrebs kämpfte. Nach einer Operation in Köln hatte er sich kuriert gefühlt, Ostern 1992 aber spürte er, dass der Krebs wieder da war. Dennoch ahne ich nicht, dass es das letzte Interview sein würde, das Brandt nicht nur mir, sondern überhaupt geben würde. Es geht bei den Fragen nicht um ein „Vermächtnis“, sondern um Tagesfragen. Er warnt vor einem allzu harten Oppositionskurs, wie ihn Gerhard Schröder gefordert hatte. „Ich finde, man sollte gründlich prüfen,
ob es die Möglichkeit gibt, einzelne Komplexe aus dem Wechselspiel Regierung-Opposition herauszunehmen und sie gemeinsam zu tragen, auch wenn die einen in der Regierung sind und die anderen nicht. “

Das Interview erscheint am 11. Mai, einen Tag später wird Brandt wieder in die Kölner Klinik gebracht. Er wird am 22. Mai noch einmal operiert. Die Ärzte brechen die Operation nach zehn Minuten ab, er wird nach Hause entlassen und tritt nicht mehr in der Öffentlichkeit auf. Ab Ende Juni empfängt er Freunde wie Helmut Schmidt, Johannes Rau, Egon Bahr, Hans Koschnick, Hans-Jochen Vogel, Hans-Jürgen Wischnewski, Holger Börner, Björn Engholm, Hans Eichel und Rudolf Scharping. Auch Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl kommen nach Unkel.

Ein wenig kann Brandt den warmen Sommer am Rheinufer noch genießen, aber die Krankheit schreitet fort. Täglich liefert der Apotheker Schmerzmittel, wie die neugierigen Nachbarn feststellen. Ehefrau Brigitte sieht sich von Paparazzi umlagert. Andererseits zeigt das große öffentliche Interesse, wie populär Brandt ist.

Vogel ist der letzte Besucher
Als Brandt am 8. September seine Teilnahme am Kongress der Sozialistischen Internationale (SI) in Berlin absagt, als deren Präsident er nach 16 Jahren ausscheidet, weiß jeder, wie es um ihn steht. Hans-Jochen Vogel verliest am 15. September sein Grußwort mit dem testamentarischen Schlusssatz: „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“

Am 17. September besucht ihn Spaniens Ministerpräsident Felipe Gonzalez, am gleichen Tag Frankreichs Ex-Ministerpräsident Pierre Mauroys, sein Nachfolger im SI-Vorsitz. Sie trinken ein Glas Wein miteinander. Am 20. September fährt Michail Gorbatschow spontan nach Unkel. Er wird nicht mehr vorgelassen. Hans-Jochen Vogel ist am 24. September der letzte Besucher.

Am 8. Oktober 1992 um 16.35 Uhr stirbt Willy Brandt im Alter von 78 Jahren in seinem Haus am Rhein. Am 17. Oktober wird er mit einem Staatsakt im Reichstag zu Berlin geehrt und anschließend auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof im Kreis von Familienangehörigen und Freunden beigesetzt.

Der Journalist Ulrich Rosenbaum (geboren 1945) war 1992 Korrespondent der „Bild“-Zeitung in Bonn. Dieser Artikel erschien zuerst in der Printausgabe des "Vorwärts", der Parteizeitung der SPD.